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Psychosoziale Begleitung als Leitmotiv von Hospizarbeit – Ein Rückblick auf die letzte Veranstaltung

Aktualisiert: 4. März


Von März bis Juni fanden insgesamt fünf Veranstaltungen zum Thema „Multiprofessionelle Palliativversorgung im Alter“ an der EvH RWL statt. In vier von fünf Veranstaltungen wurden bereits verschiedene soziale, kulturelle, wirtschaftliche, rechtliche und berufliche Perspektiven aufgegriffen und in verschiedenen Formaten von Referent:innen aus der Praxis und der Hochschule präsentiert und diskutiert.


In der fünften und letzten Veranstaltung am 21.06. wurde schließlich eine weitere sehr wichtige (psycho)soziale Perspektive thematisiert. Es ging um Hospizarbeit für hochaltrige Menschen und dabei vor allem um die ehrenamtliche Sorgetätigkeit im Hospizwesen. Im Zentrum standen folgende Fragen: Was ist Hospizbegleitung? Wer bekommt sie? Wer erbringt sie?


Als die Veranstaltung um 16 Uhr eröffnet wurde, hatten sich im Plenum vor Ort sowie online insgesamt ca. 50 Personen versammelt, um Antworten auf jene Fragen zu erhalten. Als Hauptverantwortliche zeichnete Prof. Dr. Karin Michel, seit April 2019 Professorin für Ethik im Fachbereich Heilpädagogik und Pflege an der EvH RWL in Bochum. Ihre Themenfelder in Forschung und Lehre sind u.a. die Ethik in sozialen Berufen und Grundprobleme der Care-Ethik sowie Sterbehilfe, Therapiebegrenzung und Patientenverfügung. Als Referentinnen waren außerdem Dipl. Sozialpädagogin Inge Kunz, Vorsitzende des OMEGA Bocholt e.V. und Mitglied des Bundesvorstandes OMEGA e.V. sowie Sozialwissenschaftlerin Erika Feyerabend, Lehrbeauftragte an der EvH RWL und der Ev. Fachhochschule Darmstadt, Wissenschaftsjournalistin und Herausgeberin der Zeitschrift BioSkop und ebenfalls Mitglied im Bundesvorstand des OMEGA e.V., geladen.


(Das Projekt MPiA in der Aula der EvH. Foto. Projekt MPiA)


Zunächst referierten Prof. Dr. Karin Michel und Inge Kunz. Karin Michel erläuterte, dass es bei ehrenamtlicher Hospizarbeit vor allem um psychosoziale Begleitung von sterbenden Menschen und ihren Angehörigen gehe. Wichtig sei dabei, dass diese Begleitung transprofessionell stattfinde, also über die eigene berufliche Expertise hinaus und somit ganzheitlich gestaltet werde. Allerdings erläuterte sie auch, dass sich sowohl beim Zugang als auch bei der Erbringung jener Begleitung wirtschaftliche und demografische Ungleichheiten beobachten lassen. So hätten insbesondere Menschen mit geringem Vermögen sowie Migrant:innen Schwierigkeiten entsprechende Angebote in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig würden aber auch Menschen der „Oberschicht“ seltener hospizliche Begleitungsangebote nutzen als die sogenannte „Mittelschicht“. Außerdem unterliege die Hospizarbeit sozialen und demografischen Dynamiken. So sei die Erbringung von Hospizarbeit vor allem Aufgabe von Frauen. Demnach seien ca. 85% der Ehrenamtlichen in der hospizlichen Sorgetätigkeit weiblich. Darüber hinaus erhalten insgesamt zu wenige Menschen hospizliche Leistungen. Inge Kunz ergänzte zu diesen sozialen Einordnungen: „Die Hospizarbeit in Deutschland ist eine soziale Bewegung“, was auch bedeutet, dass es Ziel sein müsse, allen Menschen am Lebensende Zugang zu hospizlicher Begleitung zu ermöglichen. Quintessenz ist, dass bei einer umfassenden und ganzheitlichen Begleitung am Lebensende Ärzte und Pflegekräfte nur einen Bruchteil des Tages zur Verfügung stünden und berufstätige Angehörige alleine die übrigen Lücken nicht kompensieren könnten. Bei der Frage: „Wer macht den Rest?“ führt der Weg laut Inge Kunz schnell zum Ehrenamt.


Prof. Dr. Michel betonte, dass das Ehrenamt zwar nicht als Ersatz für professionelle Versorgung begriffen werden könne, eine Zuschauerin aus dem Plenum ergänzte allerdings, dass das Ehrenamt nichtsdestotrotz viele Kompetenzen mitbringe. Häufig seien nämlich ehemalige Pflegekräfte und Ärzt:innen ehrenamtlich engagiert, die über Erfahrung in der Zusammenarbeit mit den Professionellen verfügen. Um jene Zusammenarbeit zwischen professionellen Pflegekräften in Hospizen und Ehrenamtlichen zu stärken, sei es wichtig, dass Annäherung und Austausch vor allem 'in guten Zeiten‘ stattfinde, sodass Vertrauen für Phasen mit hoher Belastung bereits geschaffen wurde. Voraussetzung dafür sei außerdem, dass es gute organisationale Strukturen und transparente Kommunikation gebe, um entsprechendes Vertrauen aufzubauen.


Nach einer kurzen Pause kam dann Erika Feyerabend als Referentin auf die Bühne. Auch sie wurde inhaltlich von Inge Kunz unterstützt. In Erika Feyerabends Vortrag ging es unter anderem um die Finanzierung der Hospizarbeit sowie um die finanziellen Nöte von Menschen, die hospizliche Sorgetätigkeit in Anspruch nehmen. Sie erklärte, dass Hospize zwar in das Gesundheitssystem eingegliedert sind und Koordinationskräfte je nach Anzahl der eingesetzten Ehrenamtlichen refinanziert würden, die Finanzierung dennoch prekär sei. Ein finanzielles Problem zeige sich außerdem auch für Angehörige und Betroffene. So gäbe es bei Menschen mit geringem Einkommen und/oder Vermögen allenthalben Ungewissheit, wie hospizliche Begleitungen bezahlt werden sollen. Erika Feyerabend zitiert dazu eine häufig gestellte Frage: „Kann ich mir das leisten?“ Inge Kunz ergänzt dazu: „Mich treibt um, wie Leute im Alter ihr Leben gut zu Ende leben können. Besonders Frauen haben schließlich nur geringe Rentenansprüche.“ Erika Feyerabend erklärte, dass es deshalb notwendig sei über Fragen der Armut und Gerechtigkeit zu sprechen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hospizwelt. Sie resümierte: „Angehörige erleben zum Teil extreme ökonomische Einbußen durch eine längere Begleitung pflegebedürftiger und sterbender Menschen.“


Neben dieser Sensibilisierung für ökonomische Herausforderungen aller Akteure, brachte Inge Kunz außerdem noch eine psychosoziale Herausforderung auf den Punkt. So sagte sie, dass man oftmals nichts tun könne gegen eine Erkrankung, gegen ein Schicksal oder gegen Trauer – insbesondere wenn eine schwere Krankheit das Leben eines Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit beendet. Diese ‚Hilflosigkeit‘ und die Frage „Was trägt, wenn nichts mehr trägt?“ bat sie stets zu reflektieren und dabei zu bedenken, dass selbst die Fähigkeit, die eigene Hilflosigkeit auszuhalten schon Stütze und Hilfe für Betroffene und Angehörige sein könne.


Mit diesem Schlusswort endete gegen 19 Uhr nicht nur die Veranstaltung, sondern es endete auch die Veranstaltungsreihe des Projektes MPiA. Die Projektleitung um Prof. Dr. Birgit Schuhmacher und den hauptamtlichen Mitarbeiter Manuel Schlifski bedankten sich bei allen Referent:innen, interessierten Teilnehmenden, kompetenten Ansprechpartner:innen der EvH-Verwaltung und den vielen studentischen Hilfskräften, die fünf erfolgreiche Veranstaltungen inhaltlich und organisatorisch mitgestaltet haben. Ein besonderer Dank gilt außerdem Frau Dr. Marianne Kloke, die durch die Donation im Zuge des Brost-Ruhr-Preises 2022, dieses Projekt ermöglicht. Gleichzeitig freut sich das MPiA-Team auf die nächsten Projektschritte. So ist eine weitere interne und externe Zusammenarbeit zu konkreten Themen geplant. Über Materialen und mögliche weitere Terminen informieren wir an dieser Stelle.


Einen Rückblick auf alle Veranstaltungen sowie allgemeine Infos erhalten Sie hier auf www.projekt-mpia.de und für weitere Fragen oder Anmerkungen wenden Sie sich gern weiterhin an Manuel Schlifski unter schlifski@evh-bochum.de


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